Mittwoch, 22. Juni 2016

Eine Reise ins Ungewisse

Erster Morgen in Jakarta. Der Reiseführ nennt die Stadt fröhlich "Big Durian" - bezogen auf die Luftverschmutzung und genau wie bei der Frucht teilen sich die Gemüter, wer Jakarta nun liebt oder hasst.. Wir verlassen gegen acht das Haus und laufen erstmal in eine unbestimmte Richtung. Was wir uns heute angucken wollen, entscheiden wir dann mit der Zeit. Erstmal müssen wir nämlich das Transportproblem lösen. Ohne wirkliche Karte oder Einweisung ins Öffisystem halten wir uns einfach Richtung Norden - die Redemptoristen sind in Jakarta nämlich ziemlich weit ab vom Schuss im tiefen Osten. Ich frage die Erstbeste nach dem Weg zu einer Bushaltestelle und bin nach der Antwort noch verwirrter als vorher - hab aber die grobe Richtung. Wir treffen auf eine Art Hauptstraße. Voller Autos, Taxis, Motorräder. Hier in Jakarta lässt sich per App "Grab" oder "GoJek" eine Motorradmitfahrgelegenheit suchen, aber der Weg ins Zentrum ist schon recht weit, wir wollen sehen, ob sich nicht Geld sparen lässt. Taxis sind also auch raus. Bleiben die lustigen kleinen Busse, Angkot genannt, in die man einfach einsteigen kann. Vor uns hält ein blaues Exemplar mit der Nummer 06 - einfach mal einsteigen, der Rest regelt sich. Der Fahrer und die anderen Fahrgäste beraten uns  gerne. Inzwischen können wir auch schon ein Ziel nennen, zum Pasar Senen bitte. Nach ca 60 Minuten stop-and-go durch den Macet (Stau) schlängeln, wird uns vorgeschlagen, doch die Linie zu wechseln. Die ganze Fahrt kostet uns grade 5000 Rp - so ca. 30 ct. Weiter gehts mit der Linie 01, die praktischer Weise unseren Pasar Senen als Endziel hat. Wir überqueren todesmutig die Straße, verursachen einen Tumult und suchen uns eins der zwanzig 01er aus, die sich hier grad tummeln. Die Fahrt geht weiter. Ich bekomme langsam Durst, aber es ist ja Ramadan - aus Höflichkeit trinkt man hier nicht vor fastenden Leuten. Werde ich auch direkt drauf hingewiesen, als ich die Flasche schon halb in der Hand hatte. Na gut Anja, heute fasten wir halt auch. Sie lacht, Anna, das will ich sehen.. Du hast doch eh in einer Stunde schon Hunger. Haha, Recht hat sie. Und ich will ihr den Tag ja auch nicht mit meiner blendenen Laune vermiesen, die sich bei Hunger normalerweise einstellt.

Angekommen am Pasar: wir sind überwältigt. Stockwerk um Stockwerk unendliche Meere aus Uhren, Schmuck, Taschen, Sonnenbrillen, elektro Kleinzeug, Kleidung und und und.. Anja hat nun ein Trauma, mit mir zusammen einkaufen zu gehen. Ich brauche eine neue Tasche, aber die Auswahl überfordet mich und letztlich kauft sich Anja einen Rucksack... Die ganzen Verkaufer sind echt mega nervig. Bule hier bule da schallt es aus allen Richtungen. Und sie bombadieren uns mit neugierigen Blicken und Fragen, sobald sie erkennen, dass wir ja tatsächlich sogar Indonesisch können. Irgendwann will ich einfach wieder raus, zurück ans Tageslicht. Weg von der Enge. Wo sind eigentlich die ganzen anderen Touristen? Jakarta ist doch eigentlich schon ein Reiseknotenpunkt. Ach, ich hab vergessen, dass außer Anja und mir keiner so verrückt ist, mitten im Ramadan in eine muslimische Stadt zu fahren.

Vor dem Pasar ist ein Büchermarkt, unsere Herzen gehen auf. Anja kann sich gar nicht entscheiden, sie kämpft sich durch einen immer größer werdenden Buchstapel, den ihr einer der Verkäufer gutherzig auftürmt. Ich bin fasziniert von der indonesischen Ausgabe des Buches "Er ist wieder da" - "HITLER bangkit lagi" mit indonesischen Empfehlungen vom Spiegel und Christof Maria Herbst hinten drauf. Die Welt ist ein Dorf.

Weiter gehts Richtung Nationaldenkmal - diesmal zu Fuß. Wir perfektionieren die Kunst, die Straßen zu überqueren, und kommen tatsächlich irgendwo an. Ist nicht ganz der Platz, den wir im Blick hatten, doch der ist auch ganz nett. Hungrig setzen wir uns ins Gras und machen eine kleine Mittagspause. Dann gehts weiter, in der Post direkt um die Ecke wollen wir nach Postkarten suchen. Es gibt auch zum Glück eine minimalistische Auswahl, sodass wir die nächste Stunde mit Schreiben beschäftigt sind. Aber vorher stärken wir uns noch mit Kaffee und Kuchen bei Dunkin' Donuts - ganz indonesisch. Wir gehen weiter in Richtung eines anderen Marktes, dem Pasar baru, der eine große Obstauswahl bieten soll. Dort sind wir erstmal von unserem Fund einer Bushaltestelle fasziniert, die für die "richtigen" Busse ist, die sogar eine eigene Fahrspur haben.
Unser Weg führt uns weiter zu einer riesigen Betonklotz-Moschee, die direkt neben einer großen kath. Kirche liegt, bis hin zum tatsächlichen Nationaldenkmal, auf das wir ja eigentlich schon den ganzen Tag zusteuern. Das Denkmal liegt umzäunt in einem weitläufigen Park und wir sparen es uns, den richtigen Eingang zu finden, sondern schauen einfach von Außen. Es dämmert langsam, das Fasten wird gebrochen und wir sehen uns langsam aber sicher nach einem Rückweg um. Vorbei am Präsidentenpalast, dem Innenministerium und anderen Verwaltungssitzen suchen wir die nächste Bus- oder Bahnstation. Nochmal Angkot zu fahren, ist uns nämlich zu mühselig. Wir wollten schon noch vor Mitternacht zurück sein.

Tatsächlich werden wir fündig und erwerben ein E-Ticket, das uns den Eintritt ins Busnetz gewährt. Jede Busreise kostet nur 3500 Rp, unabhängig von Fahrziel oder -zeit. Wir sind happy und steigen erstmal planlos in den erstmöglichen Bus ein. Wenn es der Falsche wär, kann man ja einfach wieder zurück fahren. Im klimatisierten Bus (ganz fortschrittlich mit Gasantrieb - oho) orientieren wir uns und schätzen, dass die Richtung ganz gut stimmen könnte. Irgendwann entscheiden wir, die Linie zu wechseln und fragen uns ein bisschen durch, sodass wir tatsächlich Richtung Zuhause fahren. In der Dunkelheit brausen wir über die Straßen, so eine Busspur ist echt zeitsparend. Irgendwann kommen wir überraschender Weise wirklich an, nachdem uns noch ein Fahrgast freundlich antippte und uns ans Aussteigen erinnerte. Indonesier sind echt super hilfsbereit! Das letzte Stück legen wir mit frischer Energie zu Fuß zurück. Todmüde, verschwitzt und ausgehungert  kommen wir schließlich gegen neun bei den Redeptoristen an und lassen uns erstmal ein dickes Abendessen schmecken.
Der Tag ist dann aber nicht nicht vorbei, heute Abend spielt ja Deutschland. Frisch geduscht und gestärkt - ich hab auch einfach noch ein kleines Nickerchen eingelegt - fahren wir mit Pater Handry und zwei OMK-Leuten los, um das Spiel irgendwo zu schauen. Es scheint aber keiner ihrer bekannten Orte noch geöffnet zu haben - und gleichzeitig Bier zu verkaufen. Das schien dem Pater nämlich irgendwie wichtiger zu sein, als wirklich das Spiel zu sehen. Die Geschichte endete also damit, dass wir die gesamte Spielzeit durchs nächtliche Jakarta gurken, da zum Ramadan Alkohol eher Mangelware ist. Aber Deutschland konnte auch ohne unsere Aufmerksamkeit gewinnen, sodass wir uns nicht allzu enttäuscht gegen 1.30 Uhr auf den Rückweg machen. Jakarta bei Nacht ist noch faszinierend belebt, überall sind kleine Kramsstände und Essensverkäufe, viele Autos und Fußgänger sind unterwegs.

Wieder heimgekehrt setzen wir uns noch ein bisschen zusammen und gehen dann mit einer groben Tagesplanung (-> Ausschlafen) glücklich und überwältigt mit Eindrücken hundemüde schlafen..

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